Bleibt dabei

Die Kälte beißt sich in
unseren Gesichtern fest
wie Junkies auf Cloud Nine.

Zwischen den Kadavern
von Böllern und Raketen
picken die Schnäbel
von Nebelkrähen
unsere guten Vorsätze
vom Boden der Tatsachen.

Das Jahr ist aufgeplatzt
wie eine pralle Piñata,
und zwischen den
süßen Momenten
bleiben wir auch diesmal
nicht verschont von
Idioten und Dämonen
und den üblichen Desastern.

Und auch diesmal
haben wir keine Wahl
und müssen uns weiter
durchschlagen.
Weiter versuchen, über
den eigenen Schatten
zu springen und den
inneren Schweinehund
zu überlisten.
Weiter den Kurs ändern,
um nicht einzurosten.
Weiter auf der Suche bleiben
nach neuen Eindrücken
und Erfahrungen,
weil nur sie das sind,
was zählt.

Selbst wenn da draußen
alles ins Wanken gerät
und droht, in sich
zu zerfallen
und das Blaulicht,
gar nicht mehr aufhört
zu leuchten,
müssen wir den Schritt
vor die Tür machen
und uns dem stellen,
was uns die Zukunft
vor die Füße wirft.
Selbst wenn es
uns zerreißen wird.

Was hast du schon
sonst für Pläne?

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Bleibt dabei

Die 587. Castingshow

Sie halten dir
ein Superheldenkostüm
vor die Nase und sagen,
dass nur du da reinpasst.
Doch als du es anprobierst,
ist es dir zu klein.
Überall spannt es,
dein Bauch guckt raus
und du siehst lächerlich
darin aus.

Aber sie klatschen
in die Hände,
hinter denen sie
über dich lachen.
Rufen dir zu,
dass du nur
fliegen musst.

Und du springst
und springst –
doch verlässt
den Boden nicht.
Schaust bloß zu,
wie die anderen
in die Lüfte steigen,
an dir vorbeiziehen
und in der Ferne
verschwinden.

Du bleibst zurück und
fühlst dich erbärmlich
und gescheitert.
Doch siehst nicht, dass
den Siegern Fäden
am Rücken kleben
wie der Besetzung der
Augsburger Puppenkiste.
Denn hinterm Horizont
geht’s nicht weiter –
wartet kein Topf
voll Gold.

Dort werden sie
zu Boden gerissen
und mit Verträgen
geknebelt.
Dort schleift man
ihnen die Ecken
und Kanten ab,
damit sie in jedes
noch so flache
Format passen.

Du siehst sie dann zwar
auf großen Bühnen stehen,
lächeln und winken,
gekleidet in teuren Zwirn.

Doch darunter verbergen sie
ihre Ohnmacht und einen
gebrochenen Willen.

Die 587. Castingshow

Alle (halbe) Jahre wieder

Zum Zahnarzt zu gehen, ist kein Problem für mich. Es ist zwar auch kein Hobby, aber wenn ein Termin ansteht, stapfe ich da ganz gelassen hin. Ich weiß gar nicht warum so viele Angst davor haben. Natürlich ist es nicht angenehm – besonders wenn sich Bohrer und Karies treffen. Und auch eine Wurzelbehandlung ist nicht gerade wie eine Karussellfahrt im Vergnügungspark. (Es sei denn man ist im Itchy & Scratchy Land)
Aber: im Gegensatz zu anderen Ärzten, wird dir ein Zahnarzt niemals sagen, dass du sterbenskrank bist und nur noch ein paar Monate zu leben hast. Was, wie ich finde, schon gewaltig viel Anspannung aus einem Arztbesuch nimmt. Weder im Wartezimmer noch im Behandlungsraum spürt man – wie bei Allgemeinärzten oder Neurologen – die Gegenwart des Todes. Es riecht bei Zahnärzten nur nach Desinfektionsmittel und frischem Mundwasser.

Natürlich habe ich leicht reden. Ich gehe seit meiner Kindheit zur selben Zahnärztin, bei der meine Mutter früher als Sprechstundenhilfe gearbeitet hat. Somit war sie und ihre Praxis, mir immer vertraut. Regelmäßig war ich dort und hatte alles durch, was man im Bereich der Zahnmedizin erleben kann. Jede Behandlung, um die Zähne zu stärken, habe ich über mich ergehen lassen. Hatte jede Spange, die man kriegen konnte: die lose, die feste, die durchsichtige und einen Bogen, der aussah wie ein Folterinstrument und den man sich nachts mit einem kleinen Kissen um den Hals schnallen und vorne zwischen die Drähte seiner festen Zahnspange verankern musste. Damit gehörte man auf Klassenfahrt oder im Ferienlager nicht gerade in die Top 5, Top 10 oder irgendeine Liste der coolsten Typen. Auch bei den Mädels war man mit dem Teil kein Kandidat für den ersten Kuss. Aber das war es wert, für ordentliche Zähne, sage ich, fest überzeugt wie jemand, der aus einer Sekte kommt.

Heute war es dann wieder soweit: Routinecheck. Auf dem Weg dorthin fuhr ich eingekesselt vom Feierabendverkehr mit der Straßenbahn nach Lichtenberg und beobachtete zwei Jungs, deren Körperhaltung nach Gangster aussah, ihr Kleidungsstil jedoch nach Cro-Fan. Wie zwei tollwütige Lamas spuckten sie durch die Gegend und boxten sich dabei ständig in die Seiten.

Die Zahnarztpraxis war in warmes, gemütliches Licht getaucht, als ich reinkam. Nach zehn Minuten im Wartezimmer mit einer Oma, die mich anschaute, als hätte ich ihren Mann im Krieg umgebracht, wurde ich aufgerufen und eine junge Assistentin, die ich noch nicht kannte, führte mich in den Behandlungsraum. „So, jetzt entfernen wir erst den Zahnstein und dann kümmert sich Frau Doktor um sie.“ Der Zahnstein war in einer halben Minute entfernt. Ich saß auf dem Behandlungsstuhl und die Assistentin direkt hinter mir. Der Raum füllte sich mit Stille und ich starrte durch die große Fensterfront auf die Plattenbaufassade gegenüber.
Wird schnell dunkel draußen.“, sagte sie plötzlich. „ Ja, stimmt. Geht schnell. Dabei haben wir den dunkelsten Tag noch vor uns. Im Februar oder so.“ Sie hatte schon zugestimmt, als ich bemerkte, dass das gar nicht wahr ist . Der dunkelste Tag des Jahres ist nämlich der 22. Dezember. Aber ich beließ es dabei.

Wir schwiegen. Wir schwiegen so heftig, dass es wehtat. Doch was hätten wir uns auch schon zu erzählen gehabt? Es gab keine Basis, nur Small Talk übers Wetter. Und den hatten wir ja schon abgehakt. Das Schweigen wurde unangenehm und ich zerbrach mir den Kopf darüber, was ich sagen könnte. Aber nichts kam mir in den Sinn. Letztendlich war es mir aber auch egal. Schließlich war ich nur Patient und nicht verantwortlich dafür die Assistentin zu unterhalten. Vielleicht gefiel ihr die Stille sogar und sie nutzte die Zeit sich über ihre Weihnachtsgeschenke Gedanken zu machen.

Dann ging endlich die Tür auf und meine Zahnärztin kam rein. Die Frau ist die Freundlichkeit in Person. Tiefe Lachfalten zieren ihre Augen. Ihr ganzes Wesen hat die beruhigende Ausstrahlung einer Mutter. Und selbst mit Mundschutz sieht man sie lächeln.
Sie grüßte mich und erkundigte sich, ob ich irgendwelche Beschwerden habe. Ich sagte ihr; dass meine Zähne in letzter Zeit ein bisschen schmerzempfindlich seien. Dann ließ sie den Stuhl runter und die Lehne nach hinten fahren. Dabei fragte sie mich, ob ich dieses Jahr schon auf dem Weihnachtmarkt war. Ich beließ es bei einer knappen Antwort, dann versenkte sie ihre Instrumente in meinem Mund. Während der Untersuchung, fing sie an zu erzählen: auf welchen Weihnachtsmärkten sie schon war, dass zwei Freunde ihrer Tochter aus München zu Besuch sind, die unbedingt Silvester am Brandenburger Tor feiern wollen, was in diesen Zeiten aber gefährlich sein könnte, doch dass man mit achtzehn ja immer spannend findet, was verboten und gefährlich ist. Sie sei als Teenagerin nicht anders gewesen. Hatte auch viel Unsinn gemacht und war mit Freunden kilometerweit von Zuhause entfernt auf Partys unterwegs, wo sie ihre ersten Zigaretten geraucht und Whiskey Cola getrunken hatte.
Die Assistentin stimmte mit ein und beide unterhielten sich angeregt über ihre Jugendsünden. Ich versuchte interessiert und aufmerksam zu wirken. Doch mit weit aufgerissenem Mund ist es etwas schwierig mit Mimik zu reagieren. Stattdessen kam nur hin und wieder ein Ton aus den Tiefen meines Rachens, der zwar an ein Lachen erinnern sollte, aber eher klang wie eine Seerobbe mit Darmverschluss.

„Sieht soweit alles gut aus. Du presst nachts nur deine Zähne zu stark aufeinander. Arbeitest wohl viel im Schlaf.“, sagte sie und lachte. Und ich fragte mich, während ich meinen Mund ausspülte, ob ich das jetzt auch beim Job Center anmelden muss. Bevor ich den Behandlungsraum verließ, fragte mich meine Zahnärztin noch, was ich denn gerade beruflich machen würde. Und wie immer: log ich. Einfach aus Bequemlichkeit. Einfach um jeder Unannehmlichkeit aus dem Weg zu gehen. Das ist so wie bei einem Familienbesuch. Man spielt seinen Verwandten vor, dass das Leben ausgezeichnet läuft, auch wenn es eigentlich ganz anders aussieht. Wirklich in die Tiefe geht man nur mit Leuten, die einem nahestehen.

In den Augen meiner Zahnärztin habe ich erfolgreich meine Schullaufbahn absolviert, eine Ausbildung abgeschlossen und stehe fest im Berufsleben. Und das darf ruhig so bleiben. Ein lückenloser Lebenslauf. Strahlend, wie ein gesundes Gebiss.

Alle (halbe) Jahre wieder

Videothekenstories

20150601_112941Heute ist es genau ein halbes Jahr her, dass die „delikatessen“-Videothek in der Winsstraße 47 geschlossen hat. Zum Todestag veröffentliche ich alle meine Anekdoten, die sich dort in den letzten Jahren angesammelt haben. Es war der beste Job, den ich je hatte. Und ich hatte eine Menge.
Mach´s gut, deli. Du fehlst. Sehr.

2011

17. März
Stromausfall in der Winsstraße: 2 Stunden saß ich in kompletter Dunkelheit, wie ein Redneck mit seiner Schrotflinte, vor der Eingangstür der Videothek, um Kunden zu verscheuchen. Einige dachten wirklich unsere Betrieb würde ganz normal weiterlaufen. Der eine so: „Ich dachte ihr hättet hier was mit Kerzenlicht eingerichtet.“ – „Klar, und den Weg zum Tresen legen wir mit Rosenblättern aus. Soll ick ihnen auch gleich ein Schaumbad einlassen?“

24. Mai
Ein alter Mann, so eine Mischung aus Hellmuth Karasek und Albert Einstein, kommt rein, zeigt mit dem Finger auf mich und ruft: „Waren sie derjenige, der mir am Telefon eine große Kiste mit alten Sex-Filmen versprochen hat?“

19. Juni
Ein Kunde fragt mich: „Bis wann muss ich den Film morgen zurückgebracht haben?“
Ich sage: „Bis null Uhr.“ Und er: „Ah, okay. Morgens oder abends?“

26. Juni
Eine überforderte Mutter steht mit ihren beiden Söhnen im Laden und die Jungs streiten sich darüber welchen Film sie gucken werden. Nach einer halben Stunde intensiver Auseinandersetzung, reißt der Mutter der Geduldsfaden und sie keift entnervt: „So! Jetzt holen wir hier gar nichts, gehen nach Hause und lesen ALLE ein Buch!“
„Nein!!“, schreien die Jungs panisch und haben sich im Bruchteil einer Sekunde geeinigt.

14. Dezember
Wenn kurz vor Mitternacht ein Typ reinkommt, der mich fragt, ob mir ein Film zum Thema „Gebrochene Arme“ einfällt, dann fällt mir dazu nichts mehr ein.

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2012

31. Oktober
An Halloween merkt man wie viele Kinder ein Bezirk hat. Ich arbeite in Prenzlauer Berg: Die Hölle ist offen.

23. November
Eine Mutter zu ihrem Kind: „Und bloß nichts anfassen! Du hast heute schon genug Alarm ausgelöst.“

20. Dezember
Heute kamen den ganzen Tag Lehrerinnen in die Videothek, um Unterhaltungsprogramm für den letzten Schultag zu besorgen. Der einen, die sich für ihre erste Klasse „Die Muppets Weihnachtsgeschichte“ ausgeliehen hat, hätte ich beinah „The Hills Have Eyes“ mitgegeben. Das wäre ein richtig schöner Start in die Ferien geworden. So auf der Couch – beim Psychologen.

2013

2. April
Als ich einem Mädel die beiden Filme „Wedding Bells“ und „So lange du da bist“ über den Tresen reichte, erinnerte mich der Blick ihres Freundes an jemand, der gerade einen Termin für seine erste Darmspiegelung bekommen hat.20150505_152351

7. April
Kommt einer in die Videothek und fragt: „Haben sie auch Hörbücher?“

21. August
Ein kleiner, blonder Junge mit großem Schulranzen kam in die Videothek, stellte sich mit großen Augen vor mich und packte zwei Videokassetten auf den Tresen, die aussahen wie Mitschnitte von Schulaufführungen. Verdutzt reichte er mir die VHS-Kassetten und fragte mich was das denn sei und ob es sich dabei um ein bestimmtes Abspielgerät handeln würde. Der Junge hatte wirklich keinen Schimmer was er da in den Händen hielt. Also klärte ich ihn über sein historischen Fund auf und dass man damit früher Filme geschaut hat, aber wir solche Kassetten heute nicht mehr verwenden würden. Worauf er nur verständnisvoll zustimmte und sagte: „Ja, weil die passen ja auch gar nicht in den DVD-Player.“

28. August
Eine Frau, die sich sonst immer total flippig und extravagant gibt, leiht sich die Dokumentation „Once Upon A Porn“ aus. Als ich den Film einscanne, zischt sie mich peinlich berührt an und flüstert mir zu: „Kannst du mal bitte die DVD verdecken. Meine Nachbarn stehen hinter mir.“

11. September
Da kommt so ein Typ in die Videothek gehetzt, drängelt sich vor und streckt mir seine DVD entgegen. Ich mach ihm klar, dass das so nicht geht und kassiere die Kundin ab, die an der Reihe ist. Dann kommt er dran. Ich scanne seinen Film ein und während er schon am rausgehen ist, erinnere ich ihn nochmal dran, dass er sich nächstes Mal wie alle anderen anzustellen hat. Worauf er nur angepisst antwortet: „Ja, aber ich bin gerade Vater geworden!“ und verschwindet. Ich gucke meinen nächsten Kunden irritiert an und sage: „Wer zum Teufel erfährt dass gerade sein Kind geborgen wurde und bringt dann noch die DVDs weg?“

3. Oktober
Kunde fragt: „Wo steht denn dieser Film: „Ich komm aus Kreuzberg, du Muschi?“

14. Oktober
Schon lustig wenn man nach dem Film „The Man Who Wasn’t There“ sucht und das Cover dazu nicht findet.

23. Oktober
Wenn man in einer Dienstleistung arbeitet und ein bisschen Empathie besitzt, merkt man wer einsam und gebrochen ist. Ich habe da so einen Kunden, der bei einer großen Partei arbeitet und er kommt jeden Abend hier rein und leiht sich irgendwas aus. Egal was, sofern er es noch nicht gesehen hat. Er ist da nicht wählerisch. Er braucht wahrscheinlich nur etwas, das die Stille in seiner großen Wohnung frisst.
Für gewöhnlich redet er bloß das nötigste. Wirft mir den Chip für den Film hin und quält sich gerade noch ein „Hallo“ und „Tschüss“ durch die Zähne. Aber wenn er einen im Tee hat, und das merkt man sofort, weil er dann immer schwer atmet, dann fängt er an irgendwas zu erzählen. Probiert mit hochgestochenen Worten über den Inhalt von Filmen zu faseln.
Und eben war er sogar an dem Punkt, wo ich ihm seine DVD reiche und er mich fragt: „Was habe ich mir da eigentlich für ein Mist ausgeliehen.?“ Und dann nimmt er den kompletten Film auseinander, ohne ihn gesehen zu haben. Rechnet ihm völlige Inhaltsleere, schauspielerisches Versagen und platten Pathos zu. Ich sage ihm, dass der Film auch nur dafür gemacht ist, um simpel unterhalten zu werden. Worauf er nur seufzt, die DVD einpackt und schwankend hinter den großen Schaufenstern in die Nacht verschwindet.

11. Dezember
Kundin: „Sag mal welcher Film basiert auf den Kurzgeschichten von Raymond Carver? Smoke oder Short Cuts?“
Ich: „Short Cuts!“
Sie: „Und Smoke doch auch, oder?“
Ich: „Nee, das ist Paul Auster. Also er hat das Drehbuch geschrieben.“
Sie: „Stimmt…Und was studierst du, dass du so gut Bescheid weißt?“
Ich: „Nichts. Ich lese nur.“

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2014

24. Februar
Heute in der Videothek. Ein kleines Mädchen zu ihrer Mutter: „Der Film ist so schön. Vielleicht kann den Papa auch mal brennen!“
– Kinder: Du gibst ihnen Nahrung, Kleidung und Liebe und trotzdem verpfeifen sie dich lauthals ohne mit der Wimper zu zucken.

5. März
Beinah-Fettnäpfchen des Tages: Ein Kunde meldet sich neu bei uns an. Er ist in Begleitung und gerade als ich ihn fragen möchte, ob ich seinen Sohn auch mit in sein Kunden-Konto eintragen soll, wird mir klar, dass das seine Freundin ist.

12. März
Es ist möglich einen Zauberwürfel zu lösen, mehr als fünf Fremdsprachen zu sprechen, die Bibel zu lesen ohne einzuschlafen, immer pünktlich zu Terminen zu erscheinen und sein Leben lang nie wieder Fleisch zu essen. Aber sieben pubertierende Teenager-Mädels, die sich alle auf einen Film einig werden sollen, ohne dass es zu Zickereien und Tränen kommt – niemals.

13. März
Ein Typ, der aussieht, wie die alte, abgefuckte, Schlaganfall-erlittene Version von Alfalfa aus „Die kleinen Strolche“, steht vor mir und sinniert darüber, dass sich all die Prenzlberger immer nur die gleichen Filme anschauen. „Die hängen doch alle nur in ihren Schubladen fest!“ schimpfte er. „Eigentlich muss man sich mal aus Protest so nen schönen Steven Segal Film ausleihen und damit ein Zeichen gegen diese scheiß Spießer setzen.“ Dann nimmt er seinen Igmar Bergmann-Film und geht.


Seitdem die DVDs existieren, ist der größte Kalauer in einer Videothek:
„Film ist zurückgespult.“

11. April
Eine Mutter mitten im Gespräch mit ihrer kleinen Tochter.
Die Mutter: „Ja, da hast du Recht!“
Die Kleine: „Welches? Das erste oder das zweite Recht?“
Die Mutter lacht und sagt: „Na, du hast einfach generell Recht.“
Die Kleine darauf: „Achso. Also das zweite“

29. April
Als ich der Kundin viel Spaß mit ihrem Film wünsche, sagt sie: „Mal sehen. Den hat mir mein Psychologe empfohlen.“ In dem Film geht es um Machtspiele in einer Liebesbeziehung, die bis zum Mord führt. Ich hoffe der Film kommt wieder zurück.

5. Mai
Hatte heute eine Kundin mit sieben Vornamen und vier Nachnamen. Ich schätze mal sie kommt aus einer Familie mit einer ausgeprägten Phobie vor Entscheidungen.

20. Mai
Auf den meisten Covern von Filmen werden die Lobpreisungen von Magazinen oder anderen Regisseuren zitiert. Ich habe einen Film gefunden, der muss so schlecht und unbedeutend sein, dass sie nur positive Worte dazu in der Kommentarspalte bei Youtube gefunden haben. Zitat eines Users: „Auf diesen Film warte ich schon ewig.“ Ende. // Sinners & Saints

„Eine Mischung aus Jugendstil, Heavy Metal und Irish Pub.“ so wurde mir „Der Herr der Ringe“ von einem Kunden beschrieben.

21. Mai
Eine Mädchengang kommt in den Laden. Sie sind nur zu fünft, klingen aber wie zwanzig. Eine von ihnen scheint die Anführerin zu sein und heckt an der Eistruhe den Plan aus, eine ganze Handvoll von den billigen Ice Pops zu kaufen, um diese dann auf dem Spielplatz für zehn Cent mehr an die anderen Kids zu verticken. Aus dem Mädel wird sicherlich mal eine ordentliche Geschäftsfrau. Oder Kriminelle. Oder beides.

4. Juni
Man merkt dass man für ein aussterbendes Business arbeitet, wenn der Pizzabote in den Laden kommt und sich verwundert umschaut, wie Marty McFly.
„Krass, wusste gar nicht dass es so was noch gibt…“

4. August
Ein älterer, hagerer Typ mit eingefallenem, ledrigem Gesicht, weißem Kurzhaarschnitt, Silberkettchen und goldenem Ohrring, lief am Laden vorbei und schaute prüfend durch die offene Tür. Erst dachte ich, dass er nach Kippen schaut und wollte ihm schon eine Abfuhr erteilen, weil wir keine mehr haben. Doch als er zu 20120110_013941mir an den Tresen kam, ist er etwas verschüchtert und erzählt im stark gebrochenen Deutsch: „Hallo, ich komm nich von dieser Gegend und wollte wissen wo man hier Frauen haben haben kann“ Aber er sagte nicht Frauen, sondern Pfauen. Also hackte ich nochmal nach. Hätte ja auch sein können dass er den Zoo oder ein Spezialitäten-Restaurant sucht. Schließlich will man ja jeder Verlegenheit vermeiden. Aber er machte mir deutlich, dass er auf der Suche nach Nutten ist.
Mir fiel nur die Oranienburger Straße ein und ich versuchte ihm den Weg zu erklären. Aber da er nicht wusste wo der Hackesche Markt oder der Alexanderplatz liegt, musste ich ihm eine Wegbeschreibung kritzeln. Dabei fragte ich ihn, wie zum Teufel er auf die Idee kam, ausgerechnet mich so etwas zu fragen. Er antwortete ganz unbeirrt: „Ich weiß nicht, hätte ja sein können“ Zu dem Zettel ergänzte ich noch, dass die Frauen dort erst ab zwanzig Uhr stehen würden. Als er weg ist wird mir klar, dass die Mädels dort vielleicht etwas zu teuer für ihn sein könnten und ich ihm vielleicht lieber den Puff in der Danziger hätte vorschlagen sollen. Aber so wurde mir immerhin bewusst, dass ich als Touristen-Info im Rotlichtmilieu nichts tauge.

05. August
Er sieht aus wie sie. Sie sieht aus wie er – nur mit langen Haaren. Pärchen, die sich total ähnlich sehen, finde ich irgendwie gruselig. Ich meine, die sehen dann aus wie die Eltern von Milhouse aus den „Simpsons“. Und mit denen stimmt doch ganz gewaltig was nicht.

7. August
Als ich die drei Mädels fragte, ob sie den neuen „21 Jump Street“ oder den alten haben wollen, meinte eine von ihnen, dass der neue doch noch im Kino läuft. Ich erklärte ihnen, dass es in den 80ern eine Serie mit Johnny Depp gab und die neuen Filme nur ein Parodie-Remake davon seien. Die haben mich angeschaut wie ein Auto und ich glaube in dem Augenblick sind mir ein paar graue Märchenonkel-Haare gewachsen.

9. August
Freitagnacht: Betrunkene Männer wollen mehr Bier und sich „Dumbo“ ausleihen. Jemand schreibt auf die Film-Wunschliste: „Paprika Pringles“. Und kurz vor eins kommen zwei Mädels, Anfang zwanzig, die mich kichernd fragen, welche Filme der Florian David Fitz so gedreht hat.
Sie nehmen „Jesus liebt mich“.

11. August
Wie so oft stand der ältere Politiker im Laden und schwafelte laut über einen Film und was für eine Zeitverschwendung dieser sei. Er geriet in einen wirklich ausschweifenden Monolog, in dem Sätzen fielen wie: „Die Kultur sollte von einem geregelten Polizeistaat kontrolliert werden“, „Dafür dass die Schauspielerin so blöd ist, kann man nur die Gesellschaft verantwortlich machen“ und „Der Schauspieler ist ein Fels in der Brandung der postmodernen Wichserei.“ Da er wieder ordentlich besoffen war, brauchte er besonders lange um seine Sätze mit hochtrabenden Worten zu verzieren.
Da waren mehr „Ähs“ und „Mmhs“ zwischen, als Atemzüge. Er entschuldigte sich dann und meinte dass er betrunken sei, weil er acht doppelte Wodka intus hätte. Dann musste er mir aber auch noch ausführlich berichten, wie er in Russland in einer Bar war und dort ein kleiner Wodka, im Gegensatz zu unserer „verweichlichten Gesellschaft“, 5cl statt zwei beinhaltet. Und ein doppelter sogar 100cl. Er meinte sicherlich zehn, aber ich ließ ihn reden. Nickte, lächelte und machte meinen Job, der manchmal eben mehr ist, als nur Filme zu verleihen.

16. September
So fängt der Tag ja gut an in der Videothek. Erst ruft „Muschi Movies“ an und probiert uns ihre Hardcore-Streifen aufzuschwatzen und dann ist auch noch ein Film-Check von Moviepilot mit einer unsympathischen Schauspielerin, die sich über die Beleuchtung auf unserem Klo beschwert.

22. September
Ich kann es nicht ab, wenn erwachsene Frauen so reden, als wären sie einem Disney-Film entsprungen. Und damit meine ich gar nicht eine hohe Stimmlage, sondern einfach die Art und Weise so zu sprechen, als würde ihnen 24/7 ein Regenbogen-Powerstrahl aus dem Arsch schießen. Man kann doch nun wirklich nicht immer alles schön und Heititei finden –
jedenfalls nicht ohne hochdosierte Medikamente.

25. September
Fragt mich ein Kunde, ob es nur Action-Blockbuster in 3D gibt. Frag ich ihn, ob er in 3D sehen möchte wie sich Leute unterhalten. Da kommen einem doch nur Spucke, Tränen und Zigarettenrauch entgegen.

11. Oktober
„Ich soll diesen Film für meine Freundin zurückbringen und sagen, dass
es der schlechteste Film sei, den sie je gesehen hat. Und sie sagt dass, wenn sie ihr Geld dafür zurückbekommt, sie noch öfter Kundin in ihrer Videothek sein wird.“
Er grinst mich an.
Kurzes Schweigen.
„Und krieg ich was zurück?“
„Nein.“

30. Oktober
„Excuse me, maybe it´s a weird question, but do you sell condoms here?“
Entweder geht er noch schnell zu Kaisers oder heute Nacht entsteht ein Sommer-Baby 2015.

7. Dezember
Eine Frau ruft an und möchte Weihnachtsfilme für ihre dreijährigen Kinder empfohlen kriegen. Ich hätte ihr gerne gesagt, dass es im dem Alter eigentlich scheißegal ist, was man den Kids vorsetzt. Hauptsache ein paar lustige Figuren hampeln herum. Aber ich nenne ihr ein paar Titel. Während ich aufzähle höre ich auf der anderen Seite der Leitung das Kreischen eines Babys immer näher kommen, bis es den kompletten Hörer ausfüllt. Ich frage die Frau, ob sie mit den Empfehlungen vorerst zufrieden sei, aber sie scheint irgendwo im Hintergrund verschwunden zu sein und ruft auf der Ferne. „Ja, danke. Auf wie…“ Dann wird ihre Stimme vom Kreischen des Babys verschluckt und ich frage mich für einen Augenblick, ob das Baby aufgelegt hat.

2015


Eine Kundin kommt rein und fragt:
„Entschuldigung, haben sie auch Filme auf englisch?“

21. Januar
Ein Mann will einen Film ausleihen. Ich frage nach seinen Namen und während ich ihn im System suche, ergänzt er: „Ich bin auch eigentlich recht bekannt….“ Worauf ich antworte: „Ach, wissen sie, dass sind viele heutzutage.“

1. Februar
Ich hab ein Pärchen als Stammkunden, die immer, wirklich immer, wenn sie in Laden kommen, singen oder fröhliche Melodien pfeifen, als wäre ihr Leben ein scheiß Musical. Extrem penetrant. Sie erinnern mich an die Vögel in Cinderella und wecken in mir den Wunsch eine Zwille zu organisieren.

3. Februar
In der Werbung einer Dating-Plattform, erkenne ich einen Stammkunden wieder. Benutzen tut der diese Plattform mit Sicherheit nicht. Seine aktuelle Flamme hat er nämlich einem anderen Stammkunden ausgespannt, der nur drei Häuserblocks entfernt wohnt. So kann man es natürlich auch machen. Da erspart man sich immerhin die Anmeldegebühren.

4. Februar20120110_013708
Ein älterer Mann bückt sich vor dem Tresen, hebt was auf und murmelt: „Hier hat jemand was vergessen.“ Als er sich wieder aufrichtet, streckt er mir ein zerknülltes Taschentuch entgegen und guckt mich erwartungsvoll an. Ich schaue etwas irritiert und sage: „Sie können das ruhig in den Mülleimer werfen. Ich glaube nicht dass das jemand vermisst.“ Er zuckt mit den Schultern, nach der Devise: „Ist ja nicht meine Schuld, wenn sich nachher jemand beschwert.“

15. Februar
Ich denke zwei Teenager-Mädels, die sich nachts um halb eins noch den Kinderfilm „Die wilden Hühner und die Liebe“ ausleihen, zu fragen, ob sie Drogen genommen haben, ist nicht unangebracht. Fanden die beiden auch nicht.

16. März
Eine Frau kommt in die Videothek und sagt mir dass sie gerade nicht so gut sprechen kann, da sie eben eine Zahn-OP hatte. Trotzdem fragt sie mich nach einen Film und als ich nachschaue und ihr sage dass es diesen bis heute nicht auf DVD, sondern nur auf VHS gibt, merke ich erst wie bedröhnt sie noch von den Schmerzmitteln ist. Denn sie guckt mich an, kapiert nur langsam was ich gesagt habe und sagt dann: „Was? …wirklich? …komisch. Das überfordert mich! ..Oder vielleicht auch nicht. Mal gucken.“ Und verschwindet.

26. Mai
An der Eingangstür hängt ein Zettel, der ausführlich und in dicken Buchstaben erklärt, dass wir am 31. Mai den Laden schließen. Daneben hängt sogar ein großes Plakat auf dem steht: „Wir sagen tschüss!“ Und trotzdem kommen immer noch Kunden rein und fragen verwundert: „Sag mal, schließt ihr?“ – „Nein, das ist Aktionskunst. Ein großer Gag. Wir tun nur so, als wären wir pleite, um unsere Kundschaft zu verarschen. Kommen sie doch am 1. Juni nochmal. Dann können wir alle zusammen über die Pointe lachen.“

Videothekenstories

Zement am Horizont

Batteriesäure liegt mir auf der Zunge,
während die Stadt aussieht,
als hätte Gott persönlich einen
Kanister Bleiche über sie gekippt.
Eine Schar gackernde Hennen
glotzt mich wie einen Spielverderber an,
weil ich ihren Spaß nicht teilen kann.
Verflossene Freundschaften ziehen
entfremdet und stumm an mir vorbei.
Und der ganze Tag fühlt sich an,
wie ein starkes Narkotikum
oder eine weiße Plastiktüte
über dem Kopf.

Unsichtbar heulen
Sirenen auf,
wie die Nebelhörner
von Geisterschiffen.
Die Selbstmord-Saison
hat wieder begonnen.
Und ich frage mich
warum man sich
den Aufwand macht
vor die Bahn zu springen
oder sich im Keller
zu erhängen,
wenn es doch auch reicht
nachts im U-Bahnhof
ein paar Jugendliche
an zu maulen,
dass sie gefälligst
das Rauchen
unterlassen sollen.

Gedanken so schwer,
wie der Zement
am Himmelszelt,
graben sich,
wie Maulwürfe,
tiefer und tiefer
bis unter meine
Nachtschicht.

Zement am Horizont